Start Wirtschaft Flaregames-CEO Klaas Kersting „Die Zeiten von Self-Publishing sind vorbei.“

Flaregames-CEO Klaas Kersting „Die Zeiten von Self-Publishing sind vorbei.“

Klaas Kersting, Gründer und CEO der Flaregames GmbH in Karlsruhe
Klaas Kersting, Gründer und CEO der Flaregames GmbH in Karlsruhe

Auf „Entwicklungsland-Status“ sieht Klaas Kersting den Games-Standort Deutschland: Im GamesWirtschaft-Gespräch redet der Flaregames-Gründer Klartext – über Self-Publishing, Förderung, Fachkräfte und die Pläne des Karlsruher Mobilegames-Publishers für 2018.

Zum Start ins Jahr 2018 hat sich Flaregames eine frisch renovierte Website, ein neues Logo und einen Firmen-Slogan gegönnt. Gerade das Logo war seit langem „fällig“ – nicht einmal die eigenen Leute hätten das alte Flaregames-Motiv aus dem Jahr 2011 noch verstanden, schmunzelt Gründer und CEO Klaas Kersting. Es zeigte die Silhouette einer Stadt, aus der die namensgebende Leuchtkugel („Flare“) emporsteigt – von der dazugehörigen Idee, Smartphone-Games auf Basis von GPS-Ortung zu entwickeln, hatte sich Flaregames bereits ein Jahr nach Gründung verabschiedet.

Inzwischen ist aus dem Entwicklerstudio ein Publisher geworden, der sich ganz auf die Finanzierung, die Vermarktung und den Live-Betrieb von Free2play-Mobilegames konzentriert. Bekannteste Titel: „Zombie Gunship Survival“ von Limbic Software, „Nonstop Knight“ von der finnischen Studio-Tochter Kopla Games, „Royal Revolt“ von Keen Flare in Frankfurt und zuletzt „Nonstop Chuck Norris“, das bei Sproing Games in Wien entwickelt wurde. „Kommerziell kein Riesenerfolg“, räumt Kersting ein, „aber für mich als Kind der 80er natürlich ein ganz persönliches Highlight des Jahres 2017. Es hat uns auch bei der internationalen Bekanntheit geholfen – die Resonanz auf PR-Seite war fantastisch.“

Flaregames-CEO Klaas Kersting: „Die Zeiten von Self-Publishing sind ganz klar vorbei.“

Das neue Flaregames-Motto lautet „Guardians of Joy“. Der Claim soll reflektieren, wie Flaregames die Welt sieht, sagt Kersting. „Es gibt so viele großartige Entwickler da draußen, die auf dem Markt schlichtweg keine Chance haben. Unsere Aufgabe als ‚Guardians‘ ist es, diese Juwelen zu finden und ihnen eine faire Chance zu geben.“

Denn aus seiner Sicht wird es für kleine, unabhängige Mobilegames-Studios immer schwieriger, angesichts der Flut an Appstore-Neuheiten überhaupt wahrgenommen zu werden. „Indie-Spiele verlieren in Sachen Mobile immer mehr an Boden. Klar gibt es immer noch schöne Erfolge wie bei meinem Lieblingsbeispiel ‚Monument Valley‘, aber der Markt wird für kleine und mittlere Studios definitiv immer härter. Man kann das daran ablesen, welche Spiele gelauncht werden, wie die Features (Startseiten-Platzierungen in den Appstores, Anm. d. Red.) von Google und Apple verteilt sind und so weiter.“

Genau an diesem Punkt will Kersting ansetzen: „Die Zeiten von Self-Publising sind ganz klar vorbei. Auf der Game Developers Conference laufen unsere Leute mit T-Shirts rum, auf denen steht: ‚Self-Publishing Kills‘.“

Oben das neue Flaregames-Logo, unten das bisherige Motiv (bis Februar 2018).
Oben das neue Flaregames-Logo, unten das bisherige Motiv (bis Februar 2018).

Klaas Kersting: „Wir suchen nicht den 32. ‚Clash of Clans‘-Klon“

Aus dieser Erkenntnis heraus ist die Idee für den „Flare Accelerator“ entstanden, ein Inkubator, der mit einem Volumen von 20 Millionen Euro ausgestattet ist. Seit März 2017 hat das Team rund 500 Spiele unter die Lupe genommen, aus denen sich 30 konkrete Projekte ergeben haben – „von ganz frisch bis kurz vor Hard-Launch“, sagt Kersting. Das erste Spiel heißt ‚Flick Arena‘ und stammt von einem kleinen Team aus Andorra. „Wir suchen nicht den 32. ‚Clash of Clans‘-Klon, sondern Spiele, die sich durch schlaue Innovation auszeichnen – also zumindest ein bis zwei Elemente haben, die die Norm durchbrechen.“

Die Skalierung des Flare Accelerator steht im Mittelpunkt der Pläne für 2018: „Wir haben so viele Produkte wie noch nie in der Pipeline. Außerdem kommt von Keen Flare ein neues Spiel namens ‚Monsters with Attitude‘, das wirklich super aussieht. Und natürlich arbeitet Kopla Games an einem neuen Rollenspiel, mit dem wir an den Erfolg von ‚Nonstop Knight‘ anknüpfen wollen.“

Je nach Spiel kommt ein anderes Monetarisierungsmodell zum Tragen – mal In-App-Purchases, mal In-Game-Werbung. Kersting: „Wir schauen uns jedes Spiel genau an und entscheiden dann, wo es gut rein passt, ohne den ‚Flow‘ zu stören.“

„Um ehrlich zu sein, ist Deutschland in dieser Hinsicht auf Entwicklungsland-Status.“

Ebenso wie Bigpoint, Goodgame Studios, HandyGames oder Daedalic Entertainment ist Flaregames kein Mitglied des Industrie-Verbands Game. Die Lage der Spiele-Entwickler in Deutschland beurteilt Kersting skeptisch: Die Situation sei hierzulande deutlich schlechter als andernorts. „Ja, es gibt klare Fortschritte, aber die passieren zu langsam. Die Skalierbarkeit von Fachkräften ist ein Riesenproblem. Da kann ich nicht auf die Politik warten.“

Sein Fachpersonal sucht und findet Kersting daher zunehmend im Ausland: Schon jetzt besteht sein Team aus 28 Nationalitäten. Je nach Abteilung stammen bis zu zwei von drei Mitarbeitern nicht aus Deutschland. Am Standort Karlsruhe sind 115 Mitarbeiter beschäftigt, bei der Tochter Keen Flare in Frankfurt sind es 27 – hinzu kommen zwölf Angestellte bei Kopla Games in Finnland. Flaregames gehört damit zu den größten Arbeitgebern der deutschen Branche.

Kersting spricht Klartext: „Ich finde es gut, dass es Förderung gibt, weil es die Anerkennung durch die Politik zeigt und Games als Kulturgut und als Industrie gewürdigt werden. Aber im Vergleich zu England, Finnland, Frankreich und so weiter ist Deutschland hintendran – um ehrlich zu sein, ist Deutschland in dieser Hinsicht auf Entwicklungsland-Status. In Nischen wie beim typischen ‚German Adventure‘ oder beim ‚German Citybuilder‘ sind wir sicher gut, aber ein echtes AAA-Spiel wird so schnell nicht aus Deutschland kommen.“

Den Vergleich mit anderen Digitalbranchen kennt Kersting aus eigener Anschauung: Mit seiner Holding ist der Gameforge-Mitgründer als Investor und Business Angel an einer ganzen Reihe von Startups beteiligt. „Das macht mir großen Spaß und ich nehme auch viel mit, weil es sich oft um ganz andere Branchen handelt. Aber meine ganze Aufmerksamkeit gilt Flaregames. Das ist ein Vollzeitjob.“ Und natürlich ist er auch weiterhin Teilhaber an seinem Steak-Restaurant, das nur einen fünfminütigen Fußmarsch vom Flaregames-Büro entfernt liegt.

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