Start Politik BIU-Geschäftsführer Felix Falk: „Entwicklungs-Finanzierung bleibt Hauptproblem“

BIU-Geschäftsführer Felix Falk: „Entwicklungs-Finanzierung bleibt Hauptproblem“

BIU-Geschäftsführer Felix Falk (hier bei der Gamescom-Eröffnung mit Kanzlerin Angela Merkel) drängt namens der Games-Branche auf eine rasche Regierungsbildung (Foto: BIU/Getty Images/Franziska Krug)
BIU-Geschäftsführer Felix Falk (hier bei der Gamescom-Eröffnung mit Kanzlerin Angela Merkel) drängt namens der Games-Branche auf eine rasche Regierungsbildung (Foto: BIU/Getty Images/Franziska Krug)

Die Standort-Studie zeigt: Deutsche Studios sind bei der Entwicklung neuer Spiele überwiegend auf Eigenmittel angewiesen. Das kann nicht so bleiben, mahnt BIU-Geschäftsführer Felix Falk.

Beide Branchenverbände, die Berliner Senatskanzlei, das hessische Wirtschaftsministerium und die Kultur-Staatsministerin Monika Grütters haben zusammengelegt, um die erste substanzielle Studie zum Games-Standort Deutschland zu ermöglichen.

Herausgekommen ist ein 250-Seiten-Wälzer, der in den kommenden Jahren die Argumentationsgrundlage für Weichenstellungen im politischen Berlin, in Bundesländern und in Entwickler-Hochburgen liefert.

Zusammen mit den beiden Studien-Autoren hat BIU-Geschäftsführer Felix Falk am 1. Dezember die wichtigsten Ergebnisse im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt. Im GamesWirtschaft-Interview zeigt er auf, in welchen Bereichen die Branche zuletzt vorangekommen ist – und auf welchen Feldern rasche Entscheidungen gefragt sind.

Standort-Studie Games: „Games-Branche hat wirtschaftliche Substanz aufgebaut“

GamesWirtschaft: Welche Studienerkenntnisse waren aus BIU-Sicht am überraschendsten und in dieser Form nicht erwartbar?

Falk: Die entscheidende Erkenntnis der Studie ist sicherlich, wie groß die wirtschaftliche Substanz ist, die die deutsche Games-Branche in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Dazu gehört sowohl die Größe des Games-Markts in Deutschland im Vergleich zu anderen Medien- und Kulturgütern, aber auch die enorme Exportstärke, bei der wir die Musik-, Film- und Verlagsbranche deutlich hinter uns lassen.

Das ist für viele politische Akteure, die sich nicht täglich mit unserer Branche beschäftigen, eine neue Erkenntnis, die unsere große wirtschaftliche Bedeutung untermauert.

Sicherlich gibt es aber auch weitere positive Überraschungen wie den mit 27 Prozent vergleichsweise hohen Anteil weiblicher Fachkräfte. Auch wenn wir da noch besser werden müssen, rangieren wir damit schon jetzt deutlich vor anderen Standorten wie Kanada oder Großbritannien.

Auf welchen Feldern konnten in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt werden – wo besteht auf Basis der Studienergebnisse akuter Handlungsbedarf?

Die Games-Branche in Deutschland hat über einen längeren Zeitraum Substanz aufgebaut. Besonders deutlich wird dies bei der Ausbildungssituation. Gab es vor dem Jahr 2000 keine speziell an die Bedürfnisse der Games-Branche ausgerichteten Studiengänge, sieht die Lage heute deutlich anders aus: Die 25 bis 30 Ausbildungs- und Studiengänge bringen jedes Jahr rund 600 „fertig“ ausgebildete Spezialisten auf den Arbeitsmarkt. Diese sind übrigens auch in vielen anderen Wirtschaftsbereichen stark nachgefragt.

Der größte Handlungsbedarf besteht weiterhin im Bereich der Finanzierung von Games-Entwicklungen. Hier haben andere Länder deutlich vorgelegt, vor allem Frankreich, Großbritannien und Kanada. Spiele-Entwickler in Deutschland müssen derzeit die erheblichen Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu ihren Kollegen aus den genannten Ländern selbst ausgleichen, was auf dem stark umkämpften internationalen Markt immer schwieriger wird.

Bereits im Executive Summary im Vorfeld der Gamescom wurde darauf hingewiesen, dass es an finanzstarken heimischen Publishern fehlt, die eine Vorfinanzierung von Großproduktionen stemmen können. Wie wichtig wäre ein solcher „nationaler Champion“ für deutsche Spiele-Entwickler? Oder sind andere Refinanzierungs-Instrumente – von Crowdfunding bis Förderung – mittlerweile entscheidender?

Das größte Problem sind und bleiben die fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten für Spiele-Entwickler in Deutschland. Das veranschaulicht folgende Erhebung aus der Studie: Fast zwei Drittel der benötigten Mittel für die Games-Entwicklung bringen die Spiele-Entwickler selbst auf! Das ist die Handbremse, die es zu lösen gilt.

Am besten gelingt das in unserer internationalen Branche aber nicht durch einen heimischen Riesen-Publisher, sondern durch bessere Finanzierungsmöglichkeiten für Entwickler im Allgemeinen. Eine bundesweite Games-Förderung, die substanziell, verlässlich und berechenbar ist, würde genau dies leisten und uns endlich wettbewerbsfähiger machen.

Steigende Games-Förderung: Droht Abhängigkeit vom Staat?

Zuletzt haben Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern eine teils deutliche Aufstockung der Fördergelder angekündigt, auch das Saarland steigt ab 2018 ein. Die Branche erfährt also zunehmende Unterstützung. Warum bleibt die Games-Förderung auf Bundesebene dennoch ein Kernanliegen des BIU?

Wir freuen uns sehr, dass einige Bundesländer ihre Aktivitäten im Bereich der Games-Förderung zuletzt sehr verstärkt haben. Durch die größeren Fördermittel auf Landesebene wird eine Förderung auf Bundesebene aber nicht überflüssig, ganz im Gegenteil: Viele der Landesförderungen kommen vor allem kleinen Teams zu Gute und sind eine gute Basis, die ersten eigenen Projekte zu finanzieren.

Sie reichen in der Regel aber nicht aus, damit die Spiele-Entwickler nachhaltig und dauerhaft wachsen können. Und zudem sind diese Mittel weder planbar noch in ganz Deutschland verfügbar. Spätestens hierfür ist eine bundesweite Games-Förderung dringend notwendig, die auch in anderen Ländern wie Kanada so gestaltet wird, dass sie anschlussfähig zu den regionalen Standortförderungen ist.

Die deutsche Filmbranche ist in weiten Teilen abhängig von der staatlichen Filmförderung – viele Produktionsunternehmen sind nur dadurch überhaupt überlebensfähig. Ist für die Games-Branche durch die steigenden Fördergelder eine ähnliche Entwicklung zu erwarten?

Die deutsche Games-Branche ist derzeit von einer „Fördermittelabhängigkeit“, wie es sie vielleicht in anderen Kultur- und Kreativbranchen gibt, sehr weit entfernt. Die Studie zeigt, dass der Förderanteil im Entwicklungsbereich derzeit bei lediglich 0,7 Prozent liegt.

Und selbst in Ländern wie Kanada, wo der Anteil bei rund 18 Prozent liegt, ist es nicht zu solchen Effekten gekommen, da der Games-Markt in vielen Punkten ganz anders funktioniert als andere Medien-Branchen.

Wie wirken sich die anhaltend schwierigen Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen auf die Durchsetzung des BIU-Fördermodells und andere Projekte – etwa die Preisgelder für den Deutschen Computerspielpreis – in der Praxis aus?

Die unklare politische Situation ist für die Games-Branche problematischer als für viele andere Wirtschaftsbereiche. Zwar ist die Zukunft des Deutschen Computerspielpreises auch bei einer geschäftsführenden Bundesregierung gesichert.

Die schwierigen Finanzierungsmöglichkeiten setzen aber vielen Spiele-Entwicklern in Deutschland stark zu – das hat nicht zuletzt der Rückgang der Beschäftigtenzahlen 2016 gezeigt. Wir brauchen schnellstmöglich eine neue Bundesregierung, die die notwendigen Impulse in diesem Bereich setzt.

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