Start Politik Games-Förderung: BIU veranschlagt Finanzbedarf auf 50 Millionen Euro

Games-Förderung: BIU veranschlagt Finanzbedarf auf 50 Millionen Euro

Nur einen Steinwurf vom Bundesfinanzministerium entfernt arbeitet der Branchenverband BIU an einem Steuer-Konzept zur Games-Förderung (Foto: BMF/Hendel)
Nur einen Steinwurf vom Bundesfinanzministerium entfernt arbeitet der Branchenverband BIU an einem Steuer-Konzept zur Games-Förderung (Foto: BMF/Hendel)

Ein „gutes Geschäft für den Finanzminister“ verspricht der Branchenverband BIU den Jamaika-Sondierern, sollte die bundesweite Games-Förderung Realität werden.

In welches Projekt soll die Bundesrepublik Deutschland 50 Millionen Euro investieren: in die Entwicklung von Computerspielen? Oder lieber in den Bau von zwei Autobahn-Kilometern?

Zum Glück für die deutsche Games-Branche wird über diese Frage nicht in einer Art Volksentscheid abgestimmt.

Die Summe von 50 Millionen Euro stammt aus der Kalkulation des Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e. V., kurz BIU. Dessen Vorschlag für eine bundesweite Games-Förderung ist fast ein Jahr alt. Bislang unbeantwortet waren die Fragen: Was kostet das dem Staat, also den Steuerzahler? Was bringt es ihm? Und welche Effekte verspricht sich die Branche für Umsätze und Jobs?

BIU-Geschäftsführer Felix Falk verweist vor allem auf die Hebelwirkung einer Games-Förderung: Die 50 Millionen Euro führen zu zusätzlichen Steuer- und Sozialabgaben von 90 Millionen Euro. Hinzu kämen zusätzliche Investitionen von rund 400 Millionen Euro.

Die Einführung einer bundesweiten Games-Förderung sei also ein „gutes Geschäft für den kommenden Finanzminister“. Das Programm koste den Steuerzahler nicht mehr als der Bau zweier Autobahnkilometer und brächte dem Staat ein Vielfaches an zusätzlichen Einnahmen.

„Die Effekte wären also enorm, ganz unabhängig davon, ob es sich um eine steuerliche Förderung oder ein Fonds-Modell handelt“, sagt Falk im Exklusiv-Interview mit GamesWirtschaft.

Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbands BIU e. V.
Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbands BIU e. V.

Games-Förderung auf Bundesebene: BIU legt konkrete Zahlen vor

Der Zeitpunkt für die Bekanntgabe der Zahlen kommt nicht von ungefähr. Am vergangenen Montag – ein Tag vor Halloween – stand erstmals das Thema „Digitales“ auf der Tagesordnung der Jamaika-Sondierer von CDU, CSU, Grünen und FDP. Unter anderem ging es um den Glasfaserausbau, Datenschutz und das Pro und Contra eines Digitalministeriums – allesamt Themen, die auch dem BIU am Herzen liegen.

Doch noch viel, viel, viel lieber sähe man es beim Berliner Lobbyverband, wenn die Forderung nach einer Games-Förderung auf Bundesebene fester Bestandteil des Koalitionsvertrags wird. Der BIU hat dazu im November 2016 einen Serviervorschlag in Form eines ausgearbeiteten Gesetzestextes vorgelegt.

Das Modell sieht einen „Kulturbonus“ vor, der die Entwicklungskosten um ein Viertel senkt. Geförderte Studios dürfen 25 Prozent der abzugsfähigen Kosten von der Steuerschuld abziehen – natürlich nur dann, falls das Projekt Gewinn abwirft. Macht das Unternehmen hingegen Verlust, zahlt das Finanzamt den 25-Prozent-Kulturbonus als Zuschuss an den Spielehersteller.

Als Begründung für die Notwendigkeit einer Games-Förderung verweist der BIU auf die sinkenden Marktanteile und Beschäftigtenzahlen deutscher Entwickler-Studios. Als eine der Hauptursachen für den „ Bedeutungsverlust Deutschlands als Entwicklungsstandort für Computer- und Videospiele“ diagnostiziert der BIU die Hürden bei der Finanzierung kostspieliger Games-Neuheiten.

Durch die Förderprogramme in Frankreich, Großbritannien oder Kanada sei die Entwicklung dort um bis zu 30 Prozent günstiger als in Deutschland.

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BIU-Förderkonzept: Games-Studie bildet Grundlage für Kalkulation

Wie kommt der BIU nun auf die Zahl von 50 Millionen Euro? Grundlage ist die „Studie zur Computer- und Videospielindustrie in Deutschland“, an deren Entstehung und Finanzierung der BIU beteiligt war.

Aus den Daten geht unter anderem hervor, wie viel Geld die deutschen Studios in die Entwicklung investieren. Im Anschluss hat der BIU die Förderkonzepte von Frankreich und Großbritannien herangezogen und geprüft, wie groß der Anteil der förderfähigen Spiele ausfällt: Wie viele Projekte bestehen den obligatorischen Kulturtest? Welche Entwicklungskosten können überhaupt angerechnet werden? „Dadurch konnten wir erstmals durchrechnen, was eine Games-Förderung kostet und welche Effekte damit erzielt werden können“, erklärt BIU-Geschäftsführer Felix Falk.

Zum Vergleich: Bislang werden nur 2,6 Prozent der Games made in Germany gefördert – in Frankreich sind es 8 Prozent, in Großbritannien 17 Prozent, im kanadischen Ontario gar ein Drittel.

BIU-Chef Felix Falk: „50 Millionen Euro sind nicht zu wenig“

50 Millionen Euro für ganz Entwickler-Deutschland – das ist ein Bruchteil dessen, was die Produktion eines einzigen Blockbusters wie „Grand Theft Auto 5“ oder „Call of Duty“ kostet. Ist das nicht zu knausrig, um möglichst schnell sichtbare Effekte zu erzielen?

„Angesichts der aktuellen Lage der Games-Entwickler in Deutschland und der Ergebnisse der bundesweiten Studie ist das nicht zu wenig“, ist Felix Falk überzeugt. „Mit einer zu hohen Forderung, bei der später die Mittel gar nicht in der Höhe abgerufen werden, machen wir uns als Branche schnell unglaubwürdig.“

Die Einführung einer Games-Förderung werde gleichzeitig zur Weiterentwicklung und zur Ansiedlung von Spiele-Entwicklern führen. Dies trage zum Wachstum der gesamten Branche bei, sodass das Fördervolumen in den ersten Jahren entsprechend wachsen muss. „Um die Wachstumspotentiale wirklich auszuschöpfen, müssten nach unseren Berechnungen die Mittel in den ersten fünf Jahren um 5 bis 10 Millionen Euro pro Jahr aufgestockt werden. In der Folge würden wiederum die Steuern und Sozialabgaben sowie die Investitionen der Wirtschaft weiter steigen. Je mehr der Staat also das Wachstum und die Ansiedlung durch gezielte Anreize fördert, desto mehr Einnahmen erhält er auch.“

Die Games-Branche wolle und werde keine keine Branche sein, die immer höhere Forderungen stellt und von einer Förderung abhängig sein wolle. „Stattdessen geht es einzig darum, ein faires ‚Level Playing Field‘ im internationalen Wettbewerb zu ermöglichen, so wie es auch die Kanzlerin auf der Gamescom bezeichnet hat„, so Falk.

BIU-Förderkonzept: Ergänzung, nicht Ersatz der Länder-Förderung

Die bundesweite Förderung ist im Übrigen nicht als Ersatz für die bestehenden Förderprogramme einzelner Bundesländer gedacht, sondern vielmehr eine Ergänzung. Eine entsprechende Verzahnung hat der BIU von vornherein mitgedacht: „Wir freuen uns sehr, dass sich auch auf Landesebene beim Thema Förderung Vieles positiv entwickelt: Vor allem das auf Games angepasste Förderprogramm in Bayern ist aktuell ein ganz wichtiger Schritt.“

Dass der GAME Bundesverband in seinem eigenen Konzept mit 100 Millionen Euro ein doppelt so hohes Förder-Volumen veranschlagt, steht laut Falk nicht im Widerspruch zu den BIU-Zahlen. „Unsere finanzielle Kalkulation ist nicht weit von der des GAME entfernt. Wir haben diese auf Grundlage der neuen Daten der Studie differenziert, kommen aber mit der Perspektive einer positiven Entwicklung der deutschen Games-Branche in den kommenden Jahren auch auf eine ähnliche Summe wie der GAME.“

Beide Verbände hätten sich zudem im Vorfeld der Bundestagswahl intensiv ausgetauscht und arbeiten beim Thema Förderung nach eigener Aussage eng zusammen.

„Nie war die Ausgangslage für eine Games-Förderung in Deutschland besser als derzeit. Jetzt muss die gesamte deutsche Games-Branche zusammen an einem Strang ziehen, wenn wir uns diese Chance nicht nehmen lassen wollen.“

In den kommenden Wochen wird sich nun zeigen, ob Jamaika zustande kommt – und welches Projekt es in den Koalitionsvertrag schafft: die Games-Förderung – oder die beiden Autobahnkilometer.

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