Eine 2017 erscheinende Spielkonsole ohne 4K und VR-Brille? Ja, das geht: Der/die/das Nintendo Switch wird zeigen, ob es noch einen Markt für Handhelds gibt – Petra Fröhlich über Marktchancen und Strategien.

Der offizielle Arbeitstitel Nintendo NX ist passé: Die neue Nintendo-Konsole und damit der Wii-U-Nachfolger heißt ab sofort Nintendo Switch. Der Name rührt offenkundig daher, weil sich schnell zwischen stationärer und tragbarer Spielkonsole „switchen“ lässt. Wie bei einem Baukastensystem lassen sich verschiedene Komponenten zusammenstecken – klack, klack, klack, eine Sache von Sekunden.

Zum Lieferumfang gehören:

  • ein transportables Display, das – Stand heute – im Gegensatz zur Wii U nicht über einen Touch-Screen verfügt.
  • eine Docking-Station, die mit dem TV-Gerät verbunden ist.
  • zwei gemeinsam oder getrennt nutzbare Controller („Joy-Cons“), die sich auch links und rechts am Display anbringen lassen.
  • ein „Joy-Con Grip“ – ein Verbindungsstück, mit dem man die beiden Joy-Cons zu einem einzigen Controller verbindet.

Durch die Kombination dieser Teile und zusammen mit dem vermutlich optional erhältlichen Gamepad („Switch Pro Controller“) ergeben sich minimum fünf verschiedene Möglichkeiten, ein Nintendo Switch zu bedienen.

Nintendo Switch: Erste Erkenntnisse und Prognosen

Aus den offiziellen Statements und dem Vorab-Trailer lassen sich einige wesentliche Schlussfolgerungen ableiten, die einen Hinweis auf Zielgruppe und Marktsegment geben.

Erkenntnis 1: Nintendo Switch ist der Quasi-Nachfolger des Nintendo (3)DS

Mit wenigen Handgriffen wird aus dem Nintendo Switch eine tragbare Spielkonsole, also ein Handheld. Ein zusätzliches Gerät ist nicht mehr nötig. Für all jene, denen ein Smartphone „reicht“, produziert Nintendo separate Spiele-Apps – die aber allein aufgrund der eingeschränkten Steuerung nicht mit der Spieltiefe klassischer Nintendo-Titel zu vergleichen sind.

Das Design der Controller und der mutmaßliche Verzicht auf jedwede Touch-Steuerung sprechen dafür, dass sich Nintendo klar abgrenzen möchte von den Spielerlebnissen auf Tablets, Smartphones und nicht zuletzt von der Stylus-Steuerung des 2DS und 3DS.

Offen ist die Frage, ob für jeden Spieler ein eigenes Switch-Komplettset angeschafft werden muss oder ob sich einzelne Komponenten (zum Beispiel die Basis-Station) oder Spiele gemeinsam nutzen lassen.

Aus Stationär mach Mobil: Die Komponenten des Nintendo Switch lassen sich vielfältig kombinieren.
Aus Stationär mach Mobil: Die Komponenten des Nintendo Switch lassen sich vielfältig kombinieren.

Erkenntnis 2: Nintendo Switch ist eine waschechte Spielkonsole

Nintendo produziert auch weiterhin keine als Konsole getarnten Bluray-Player. Im Gegensatz zu den Alleskönner-Maschinen von Sony und Microsoft wird Nintendo Switch als reine Spielemaschine positioniert. Die Botschaft lautet: Feuerknöpfe, Schultertasten, Analogstick – dies ist eine „richtige“ Spielkonsole und kein verkapptes Tablet.

Während die Konkurrenz vorwiegend auf Online-Multiplayer-Angebote setzt, dürfte Nintendo Switch im lokalen Multiplayermodus zur Höchstform auflaufen – also immer dann, wenn sich mehrere Spieler vor dem Fernseher oder dem Switch-Display versammeln.

Ein Nebenaspekt: Kinder benötigen dank des Displays kein eigenes Fernsehgerät im Kinderzimmer, um gemeinsam mit Geschwistern und Freunden an einem Gerät zu spielen.

Erkenntnis 3: Nintendo setzt wieder auf Module

Anders als bei Wii und Wii U setzt Nintendo wieder ganz auf kleine Cartridges namens „Gamecards“, also Module, wie schon bei 3DS und 2DS. Im Nachhinein erscheint auch nachvollziehbar, warum Nintendo über viele Jahre juristisch gegen einen Anbieter von Kopierschutz-umgehenden Speichermodulen vorgegangen ist. Nintendo hat das Verfahren selbst dann noch fortgeführt und abschließend höchstrichterlich klären lassen, als der Anbieter längst Insolvenz angemeldet hatte.

Erkenntnis 4: Nintendo schließt die 3rd-Party-Reihen

3rd Parties, das sind Hersteller, die für das System einer 1st Party – hier Nintendo – Spiele und Zubehör anbieten. Bei der wenig erfolgreichen Wii U standen nur wenige Hersteller an Nintendos Seite, darunter Ubisoft. Die Japaner mussten sich selbst um Nachschub kümmern. Nicht weiter verwunderlich also, dass ausnahmslos alle Wii-U-Bestseller in Deutschland (Mario Kart 8, Super Mario 3D World, Mario Party 10, Super Mario Maker etc.) aus dem Hause Nintendo stammen.

Bei der Vorgängerkonsole Wii sah das noch anders aus: Hier stammten die meistverkauften Top-Titel unter anderem von Ubisoft (Just Dance), Electronic Arts (FIFA) und Activision (Skylanders).

Nintendo hat sich in den vergangenen Monaten offensichtlich sehr erfolgreich um die Rückendeckung der Publisher bemüht. Der Trailer zeigt Ausschnitte aus der Basketball-Simulation NBA 2K17 (2K Games) und aus dem Rollenspiel The Elder Scrolls 5: Skyrim (Bethesda), hinzu kommen Nintendo-eigene Marken wie Splatoon, Super Mario, Zelda oder Mario Kart 8 – Pokémon & Co. dürften folgen.

Weitere Spielehersteller, die schon jetzt an Switch-Titeln arbeiten: Ubisoft (Just Dance), Warner Bros., SEGA, Square Enix, Konami, Activision, Electronic Arts, Capcom, Bandai Namco und viele weitere. Es sollte nicht verwundern, wenn spätestens zur E3 2017 Switch-Versionen von Skylanders, Tomb Raider, Pro Evolution Soccer, FIFA oder Resident Evil angekündigt werden.

Laut Nintendo arbeiten diese Spielehersteller an Titeln für den Nintendo Switch.
Laut Nintendo arbeiten diese Spielehersteller an Titeln für den Nintendo Switch.

Erkenntnis 5: Nintendo zielt auf Core-Zielgruppe

Der Trailer zeigt unter anderem eSportler, die sich auf Splatoon-Matches in Arenen vorbereiten. Im ersten Schritt wird Nintendo zunächst die treuen Stammspieler versorgen, allen voran mit Spielen wie Zelda. Der Fokus auf die Kernzielgruppe zeigt sich auch an Entscheidungen, dass beispielsweise vorhandene Amiibo-Figuren weiterverwendet werden können.

Ganz offenkundig hat Nintendo diesmal nicht jene Zielgruppenerweiterung im Blick, wie es bei der Wii (Wii Fit) oder beim Nintendo DS (Gehirnjogging) der Fall war.

Ausblick: Bislang Vieles richtig gemacht, Nintendo

Nicht immer hat Nintendo in der Vergangenheit positiv überrascht – das Switch-Konzept gehört aber zweifellos zu den gelungeneren Überraschungen, wie auch die überwiegend positive Resonanz der Spieler zeigt.

Die Hardware wirkt durchdacht und an vielerlei Stellen angenehm „logisch“ und nachvollziehbar. Das innovative Baukastensystem, die je nach Situation flexibel einsetzbare Steuerung, die breite Unterstützung aller relevanten Spielehersteller und starke eigene Marken bieten hervorragende Ausgangsbedingungen für die angekündigte Markteinführung im März 2017.

Über das funktionale Mausgrau-Design kann man geteilter Meinung sein – im Vergleich zum edlen Matt-Schwarz einer PlayStation 4 oder dem Klavierlack einer PlayStation Vita wirkt die Switch-Docking-Station etwas aus der Zeit gefallen.

Nintendo Switch: Eine Wette auf den Handheld-Markt

Spielen zu jeder Zeit, an jedem Ort – das ist das Produktversprechen hinter Nintendo Switch. Die Nintendo Switch ist also in erster Linie eine Mitnehm-Konsole für alle Lebenslagen – was die Frage nach dem Schicksal der 3DS-Familie aufwirft.

Besonders bemerkenswert: Nintendo verzichtet kurzerhand auf firmeneigene Innovationen und Markt-Trends – von der Bewegungssteuerung über den Touch-Bildschirm bis hin zu autostereoskopischem 3D, ganz zu schweigen von Virtual Reality, HDR und 4K-Auflösung.

Bleibt die Preisfrage: Was kostet die Nintendo Switch? Es spricht viel dafür, dass der Launch-Preis in einem ähnlichen Preisfenster liegt wie die Wii U, also bei unter 300 Euro. Der Spieler bekommt eine tragbare Konsole mitgeliefert und „spart“ sich den Kauf eines separaten Handhelds, der ansonsten mit 150 Euro aufwärts zu Buche schlagen würde.

Nintendo Switch wird ein spannendes Experiment, das zeigen wird, inwieweit es für tragbare Spielkonsolen überhaupt noch einen Markt gibt – oder ob dieses Marktsegment das gleiche Schicksal erleidet wie Kompaktdigitalkameras, die zwischen Smartphone-Linsen und Profi-Spiegelreflexkameras aufgerieben wurden.

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