Ein Nebensatz genügte, um die Killerspiel-Debatte zu befeuern: Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière (CDU). Foto: BMI/Henning Schacht, Montage: GamesWirtschaft
Ein Nebensatz genügte, um die Killerspiel-Debatte zu befeuern: Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière (CDU). Foto: BMI/Henning Schacht, Montage: GamesWirtschaft

Die künstliche Killerspiel-Hysterie nach dem Amoklauf in München zeigt: Medien und Spieler haben fast schon pathologische Entzugserscheinungen nach einer Killerspiel-Debatte – kommentiert Petra Fröhlich.

Kennen Sie das Stockholm-Syndrom? Es beschreibt das Phänomen, dass sich Opfer von Geiselnahmen nicht nur ab einem bestimmten Punkt mit den Tätern arrangieren, sondern auch mit ihnen sympathisieren und sogar kooperieren. Sie bauen ein „positives emotionales Verhältnis“ zu den Entführern auf, wie es Wikipedia beschreibt. Es entsteht eine Art Schicksalsgemeinschaft, in der die einen auf die anderen angewiesen sind.

Ein vergleichbares Symptom lässt sich dieser Tage rund um die wiederaufflammende Killerspiele-Debatte erkennen. In den 48 Stunden nach dem Amoklauf von München und darüber hinaus rangierte der Hashtag #Killerspiele dauerhaft in den Twitter-Top-10. Und das, obwohl kein einziger Spitzenpolitiker oder Experte von „Killerspielen“ und noch nicht mal von „Ballerspielen“ gesprochen hatte.

Stigma Killerspiel: Vereint im Selbstmitleid

Allein die schlichte Erwähnung des Faktums, dass der Amokläufer als intensiver Counter-Strike-Spieler galt, führte zu Reaktionen, wie man sie ansonsten nur von der vorsichtigen Anregung eines Veggie-Days in Deutschlands Kantinen kennt. Endlich gibt es wieder Gelegenheit, vor Sarkasmus triefende Cartoons, Memes und Klassiker wie „99 % aller Amokläufer trugen bei ihrer Tat eine Unterhose – verbietet  Unterhosen!“ zu posten oder einen Jan-Böhmermann-Tweet zu teilen.

Wenn man sich mal die Mühe macht und die Aussagen von politisch wirklich Verantwortlichen auf das tatsächlich Gesagte herunterbricht, stellt man fest, dass im Grunde nur Selbstverständlichkeiten und Allgemeinplätze zur Sprache kamen. Weder wurden monokausale Zusammenhänge zwischen gehalthaltigen Medien und realer Gewalt unterstellt (wie es der GAME-Bundesverband in der offiziellen Stellungnahme behauptet) noch gab es Forderungen nach einem Verbot noch verstieg sich ein Bundespolitiker zu der These, dass Ego-Shooter jemanden zum Amokläufer „machen“ oder Auslöser sein könnten.

Und wenn derlei Thesen doch zu hören waren, dann handelte es sich um exklusive Debattenbeiträge von irrlichternden Hinterbänklern, die man aber unter der Headline „Meinungsfreiheit“ aushalten können muss – was inzwischen allerdings kaum noch jemandem gelingt.

Killerspiel-Debatte: Interpretation, Deutung, Zuspitzung

Die Welt am Sonntag übertitelt ihr Volker-Kauder-Interview mit einem Satz, der im weiteren Verlauf nicht mehr vorkommt.
Die Welt am Sonntag übertitelt ihr Volker-Kauder-Interview mit einem Satz, der im weiteren Verlauf nicht mehr vorkommt.

All diese unmittelbaren, direkten Ursache-Wirkung-Zusammenhänge basieren alleine auf Interpretationen, Deutungen und Zuspitzungen seitens der Medien und einzelnen Medienvertretern, vom Tagesschau-Moderator bis zum Tageszeitungs-Kommentator. So überschreibt die Welt am Sonntag ihr Interview mit CDU-Fraktionschef Volker Kauder hemmungslos mit „Schluss mit den Ego-Shooter-Spielen“. Das Problem: Der Satz taucht im Interview überhaupt nicht auf, nicht einmal andeutungsweise.

Was Volker Kauder sagt: „Auch diese Ego-Shooter-Spiele müssen einmal hinterfragt werden. Es gibt für alles Grenzen, wenn Gewalt damit gefördert wird.“ Zitat Ende. Der Hinweis folgt als Abschluss einer ganzen Reihe von Maßnahmen auf die Frage, wie sich die Gesellschaft schützen könne – Stärkung der Sicherheitsbehörden, Ächtung von Extremismus, Gewalt und Hass, Kampf gegen die Verrohung der Sprache im Netz, das Vermeiden von Nachahmern. Und eben: Hinterfragung von Ego-Shooter-Spielen.

Gewaltverherrlichung: Wenn Innenminister unsauber argumentieren

Auch Innenminister Thomas de Maizière kassiert derzeit Community-Prügel für eine Aussage, die er nicht von sich aus ins Spiel gebracht hat, sondern mit der er auf eine konkrete Frage eines Journalisten in einer Pressekonferenz antwortet. Kein vernünftiger Mensch könne demnach bestreiten, dass das „unerträgliche Maß an gewaltverherrlichenden Spielen auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung von Jugendlichen hat.“ Und darüber solle bitte intensiver diskutiert werden.

Dass es diese schädliche Wirkung von Gewaltspielen auf Jugendliche geben kann, wird in der Tat niemand bestreiten, der Errungenschaften wie den Jugendschutz (Grundgesetz Artikel 5, Absatz 2) im Allgemeinen oder bewährte Einrichtungen wie die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle USK im Besonderen für eine sinnvolle Sache hält. Ansonsten könnte man das Jugendschutzgesetz auch gleich ganz weglassen.

Natürlich kann man sich fragen, ob gerade ein Innenminister nicht wissen sollte, dass gewaltverherrlichende Spiele und Filme qua Strafgesetzbuch ohnehin verboten sind. Doch was genau als gewalt- oder kriegsverherrlichend oder jugendgefährdend gilt, diese Einschätzung ist ein dynamischer, immer wieder neu zu verhandelnder Prozess.

Denn Inhalte, wie sie heute in Spielen, Filmen, Serien zu besichtigen sind, wären noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen – und mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Tischen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) und in vielen Fällen auch auf dem Index gelandet. Für Außenstehende, also „Nicht-Gamer“, mag die Definition des § 131 StGB bereits beim Anblick eines vergleichsweise abstrakten USK-16-Shooters wie Counter-Strike aufwärts beginnen.

Wer sich für eine Sekunde die Veröffentlichungen der vergangenen Jahre im Bereich Games, Film und Serie ins Gedächtnis ruft, findet bei nüchterner Betrachtung zahllose Beispiele für „Verherrlichung“, „Verharmlosung“ oder Darstellungen, die „das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise“ zeigen. Sobald das USK- oder FSK-Siegel auf der Bluray klebt, ist die Debatte im Einzelfall allerdings abgeschlossen, auch juristisch.

Killerspiel-Debatte: Selbst Christian Pfeiffer gibt sich geläutert – öffentlich

Bei allen bislang bekannten Politiker-Statements ging es nicht darum, dass Counter-Strike-Spieler zwangsläufig zum Amokläufer werden, sondern um Diskussion und Hinterfragen mit Blick auf den Medienkonsum von Jugendlichen.

Selbst Kriminologe Christian Pfeiffer – in der Vergangenheit durchaus als Hardliner und heftiger Kritiker von „Gewaltspielen“ aufgefallen – argumentierte bei seinem jüngsten Auftritt in der ARD-Talkshow „hart aber fair“ überraschend ausgewogen. An seinen Aussagen war sachlich nichts zu beanstanden.

Die Entwicklung der für überwunden geglaubten, erbittert geführten Debatte lässt eines stark vermuten: dass der unmittelbare Amoklauf-Computerspiel-Zusammenhang vorwiegend von „den Gamern“ selbst und natürlich „den Medien“ herbeikonstruiert, um nicht zu sagen: herbeigesehnt wird. Und zwar alleine schon durch die bloße Erwähnung von „Videospielen“ – also die klassische „War ja klar, wir sind wieder schuld“-Rolle. In den zahllosen Kommentaren und Postings lässt sich förmlich mit Händen greifen, wie dankbar man ist, endlich wieder den Schulterschluss gegen das vergreisende, nichtsblickende Establishment zu üben.

Natürlich spielen im Einzelfall auch traumatische Erfahrungen aus vorangegangenen Debatten hinein, wo in Sendungen wie Frontal 21 in kaum erträglicher Weise gegen ein ganzes Medium pauschalisiert und propagiert wurde. Oder Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, der vor sieben Jahren die kühne These aufstellte, Gewaltspiele stünden „in ihren schädlichen Auswirkungen auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand infrage stellt.“ Ein absurder Satz, der offenkundig tiefe Wunden hinterlassen hat.

Generation #Killerspiel: Endlich wieder Staatsfeind Nummer 1

Selbst Blätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung fallen inzwischen durch gemäßigte Kolumnen und Beiträge auf, wohl kalkulierend, wie das Social-Media-Spiel funktioniert. Sie alle beteiligen sich an einem Suchmaschinen-optimierten Agenda-Setting, das die Nachrichtenlage gar nicht hergibt. Und so kommt es, dass #Killerspiele tagelang bei Twitter trendet und ein Furor der Empörung durch Facebook und Foren donnert.

„Endlich“ wieder Staatsfeind Nummer 1.

Meine These: Verbände und Publisher können sich mutmaßlich schönere Dinge vorstellen, als sich im Zuge des medialen Trommelfeuers zu beschwichtigenden Statements genötigt zu fühlen. Doch die Debatte ist in weiten Teilen gewollt und befeuert, von General-Interest- und Special-Interest-Medien, aber auch von den Gamern selbst. Es reicht inzwischen völlig aus, wenn ein Innenminister auf ein Thema angesprochen wird und er dann seine Einschätzung abgibt.

Wie heißt es so schön in Nenas 80er-Jahre-Hit: „99 Luftballons, auf ihrem Weg zum Horizont, hielt man für UFOs aus dem All, darum schickte ein General, ne Fliegerstaffel hinterher, Alarm zu geben, wenn’s so wär, dabei warn da am Horizont, nur 99 Luftballons.“

Nur 99 Luftballons, gefüllt mit nichts als heißer Luft.

Über die Autorin: Petra Fröhlich ist Gründerin und Chefredakteurin von GamesWirtschaft und hat die Debatten nach den Amokläufen in Erfurt, Emsdetten, Winnenden und jetzt München intensiv beobachtet.

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