Start Meinung Filmfirmen plündern die Games-Förderung

Filmfirmen plündern die Games-Förderung

"Politisches Versagen" wittert Kolumnist Stefan Fränkel mit Blick auf die Games-Förderung des Medienboard Berlin-Brandenburg.

Die Vergabepraxis der Fördergelder in Berlin-Brandenburg gefährdet das Überleben der Games-Branche, gerade in der Hauptstadt – meint Gastkolumnist Stefan Fränkel.

Letzte Woche hat das Medienboard Berlin-Brandenburg seine Förderentscheidungen im Bereich “Innovative Audiovisuelle Inhalte” für den Beginn des Jahres 2017 bekannt gegeben.

Während die Verantwortlichen sich für den Fokus auf VR (Virtual Reality, Anm. d. Red.) in dieser Förderrunde selbst feiern, liegt direkt unter der Oberfläche politischer Sprengstoff. In Wahrheit haben die Verantwortlichen hier öffentlich den Nachweis erbracht, dass sie lieber Filmfirmen auf Kosten der Gamesbranche subventionieren, als eine ausgewogene Medienförderung zu betreiben.

Vorweg möchte ich klarstellen, dass dies keine Kritik an der Film- und Fernsehbranche ist. Günstige Gelegenheiten wahrzunehmen ist absolut nachvollziehbar. Bedenklich ist zunächst einmal die Struktur, welche falsche Anreize setzt. Der Kern des Problems ist jedoch ein anderer.

Der Kern des Problems sind die Verantwortlichen beim Medienboard Berlin-Brandenburg.

Medienförderung in Berlin: Virtual Reality gerne, aber bitte keine Spiele

Der Blick in die Liste der geförderten Produkte zeigt, dass Games sich zum ungeliebten Stiefkind dieser Förderung entwickelt haben. Während im vergangenen Jahr etwa jedes vierte genehmigte Projekt aus der Filmwirtschaft stammte, beträgt der Anteil dieser Branche in der ersten Förderrunde 2017 bereits fast die Hälfte.

Unter den sieben geförderten Projekten finden sich nur noch drei Spiele.

Zusätzlich entfallen bei einer Gesamtfördersumme von 465.000 Euro lediglich 195.000 Euro auf klassische Games. Der Löwenanteil der Gelder wird unter verschiedenen Filmfirmen aufgeteilt:

  • VR2: Vacate 2 Rooms von hOSHI (Fördersumme 70.000 Euro), ein VR-Escape-the-Room-Spiel
  • Survival City von Storm Chaser (Fördersumme 50.000 Euro), vermutlich im Tower Defense Genre
  • Life, Love & Tentacles VR von Firepunchd Games (Fördersumme 75.000 Euro), welches an eine VR-Version von Octodad erinnert
  • Ashta von LudInc (Fördersumme 60.000 Euro), eine Yoga-App für Kinder zwischen 6 und 10 Jahren
  • VONDERLAND von LALA FILMS (Fördersumme 50.000 Euro), ein Prototyp für einen Virtual-Reality-Themenpark
  • 15 + 1 von ANORAK Film (Fördersumme 100.000 Euro), eine Serie in 360-Grad über die Wannsee-Konferenz
  • Babylon Beyond von X Filme Creative Pool (Fördersumme 60.000 Euro), ein VR-Experience Tie-In zu der Fernsehserie “Babylon Berlin” (ebenfalls X Filme Creative Pool)

Medienförderung in Berlin: Worin liegt das Problem?

Zugegeben, diese Förderung richtet sich nicht ausschließlich an Games, sondern an “Innovative Audiovisuelle Inhalte”.

Das Problem besteht darin, dass die übrigen Töpfe unter dem Dach des Medienboards Berlin-Brandenburg über einen exklusiven Zuschnitt verfügen. Beispiele dafür sind etwa die Förderung von Fernsehfilmen, eine Produktionsförderung für Kinofilme und eine Verleih- und Vertriebsförderung für Kinofilme. Wie die Namen schon vermuten lassen, ist der Gamesindustrie der Zugriff auf diese Mittel verwehrt. Umgekehrt ist es jedoch für die übrigen Branchen problemlos möglich, in die Kategorie für die Gamesbranche zu drängen.

Wenn bestimmte Antragsteller systematisch benachteiligt sind, dann liegt klar ein Fehler in der Struktur vor.

Dies wäre zwar immer bedauerlich, aber nicht unbedingt tragisch. Der Umgang des Medienboards mit diesem Umstand entscheidet über das Endergebnis. Durch die Wahl der geförderten Projekte können die Verantwortlichen dieser systemischen Schieflage leicht entgegen steuern.

Der jetzt vorliegende Bericht weist jedoch in eine andere Richtung. In die aktuelle Förderrunde wurden 16 Anträge eingereicht. Bei nur sieben bewilligten Projekten erfährt somit nicht einmal die Hälfte eine Unterstützung.

Das Franchise “Babylon Berlin” / “Babylon Beyond” ist hier ein Paradebeispiel für die Unausgewogenheit in der Vergabepraxis. Zwar ist, rein technisch gesprochen, “Babylon Beyond” ein Produkt zu der Serie und nicht die Serie selbst, doch es fällt schwer, hier eine komplette Unabhängigkeit zu unterstellen. Während also andere originelle Ideen abgewiesen werden, wird hier ein Projekt mit zusätzlichen 60.000 Euro versorgt, das bereits mit satten 1,5 Millionen Euro vom Medienboard bedacht worden ist. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Gesamtantragssumme für die sieben bewilligten und die neun abgelehnten Projekte im Bereich “Innovative Audiovisuelle Inhalte” mit 1,19 Millionen Euro deutlich niedriger ist, als die bestehende Förderung für “Babylon Berlin” allein, ist dieser Vorgang besonders irritierend.

Games-Förderung: Politisches Versagen

Helge Jürgens, der Geschäftsführer der Standortentwicklung, zeigt sich in der offiziellen Pressemitteilung erfreut über den Fokus auf VR und lobt darüber hinaus: „Zahlreiche neue Projekte haben auch einen historisch geprägten, narrativen Hintergrund, wie die geförderten Projekte ‚Babylon Beyond’ und ‚15 + 1′ zeigen.”

Das klingt nach einer Begründung der Auswahl und soll es wohl auch sein – allerdings fehlt eine solche weitestgehend. Unter den geförderten Projekten finden sich nicht “zahlreiche” Projekte mit einem geschichtlichen Anknüpfungspunkt, sondern allein die zwei genannten.

Der Impuls, nicht den Anschein der Beliebigkeit oder Parteilichkeit aufkommen zu lassen, ist verständlich. Wirft man einen Blick auf die Förderrichtlinien, zeigt sich, dass diese dem Medienboard Berlin-Brandenburg im Grunde freie Hand lassen. Die Ziele im Allgemeinen bestehen vor allem in der Weiterentwicklung einer vielfältigen lokalen Medienkultur und dem Ermöglichen von Medienschaffen. Im Speziellen sind die Voraussetzungen für die Förderung von audiovisuellen Medien noch offener gestaltet. Lediglich die Einschätzung des Medienboards bezüglich der zu erwartenden Qualität und Wirtschaftlichkeit eines Antrags ist ausschlaggebend.

Dies ist relevant und hoch brisant. Es bedeutet, dass diejenigen, die die Förderentscheidungen treffen, das Ergebnis nach Belieben gestalten können und somit die alleinige Verantwortung dafür tragen. Gerade in Zeiten, in denen der Bund selbst mit verringertem Engagement im Games-Sektor den Anschluss an die Weltspitze aufs Spiel setzt, ist eine Unterstützung durch die Bundesländer entscheidend.

Stattdessen scheint es hier, als würden die verfügbaren Mittel lieber an Branchen verteilt, welche bereits reichlich mit Fördergeldern versorgt sind.

Wenn die Mehrzahl der geförderten Projekte aus anderen Bereichen als der Gamesbranche stammen und der größte Teil der Fördergelder zudem an die Filmbranche fließt, dann ist das eine enttäuschende politische Ansage. Wenn jede andere Medienrichtung ein gesichertes Budget erhält und ihre zusätzliche Bereicherung auf Kosten der Gamesbranche aktiv unterstützt wird, weckt das Medienboard Zweifel, ob Videospiele unter seiner Aufsicht wirklich eine Zukunft haben.

Damit wird das Überleben der Branche im Allgemeinen und besonders am Standort Berlin-Brandenburg gefährdet.

Ruinöses Signal aus Berlin an die Games-Branche

Glücklicherweise gehen andere Bundesländer einen besseren Weg. Die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg oder der FilmFernsehFonds Bayern (FFF) etwa bieten eine Förderung speziell für Games. Zusätzlich ist der FFF kürzlich erst mit einer drastischen Steigerung seines Fördervolumens in diesem Sektor an die Öffentlichkeit getreten.

Ein solch versiertes Verhalten von Förderern andernorts sollte den Verantwortlichen beim Medienboard zu denken geben. Denn auch in der Gamesbranche tobt ein Wettbewerb um Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Wer dem Talent in diesem Sektor Steine in den Weg legt, wird es kaum für sich begeistern können. Begabte, kreative Menschen zu verlieren, können wir uns als Land der Dichter und Denker nicht erlauben.

Pikanterweise bedeutet dies auch, dass sich das Vorgehen in Berlin-Brandenburg nicht nur gegen die Interessen der Videospielbranche richtet, sondern sogar gegen die wenigen Ziele, die der dortigen Förderung an die Hand gegeben worden sind.

Zum einen hat sich das Medienboard der Weiterentwicklung der Vielfalt in der Medienkultur verschrieben. Einer bestimmten Branche das Wasser abzugraben, ist das exakte Gegenteil dieses Auftrags. Zum anderen ist der Fokus auf VR zu berücksichtigen. Zwar handelt es sich dabei um ein spannendes neues Feld, welches einen Anschub sicher gut gebrauchen kann, aber es ist auch klar, dass diese Sparte nach der Ernüchterung des letzten Jahres für den Moment finanziell auf wackeligen Beinen steht.

Fast ausschließlich Projekte aus diesem Bereich zu akzeptieren, steht nicht unbedingt im Einklang mit der Maßgabe einer ordentlichen Wirtschaftlichkeit.

Ob gewollt oder nicht: Der Hauptstadt eines Landes kommt immer eine besondere Strahlkraft zu. Daher müssen wir hoffen, dass die Ursache der hier demonstrierten Kurzsichtigkeit allein Unbedacht und kein Kalkül ist – und darüber hinaus hoffen, dass dieser zerstörerische Weg ein Irrtum und keine Absicht ist.

Andernfalls wäre dies ein ruinöses Signal aus Berlin an die deutsche Gamesbranche.

GamesWirtschaft-Kolumnen spiegeln stets die Meinungen und Einschätzungen der Autoren wider und entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion.

Über den Autor:

Stefan Fränkel ist Policy Analyst bei Remote Control Productions.
Stefan Fränkel ist Policy Analyst bei Remote Control Productions.

Stefan Fränkel ist Policy Analyst beim Münchner Produktionshaus Remote Control Productions.

Er arbeitet an dem Bewusstsein für den kulturellen Wert von Videospielen in der Politik und sieht die Branche gleichberechtigt neben Film und Fernsehen.

Die Remote Control Productions GmbH ist ein unabhängiges, international tätiges Produktionshaus, mit Schwerpunkt auf Vermittlung, Entwicklung und Produktion von Unterhaltungssoftware.

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1 Kommentar

  1. Also wenn ich Berlin und Wirtschaftlichkeit in einem Artikel lese, stellen sich alle Nackenhaare auf, und wie man wieder sieht, durchaus berechtigt. Es ist ja nicht deren eigenes Geld was ausgeschüttet wird, und wer es bekommt, entscheiden oft Leute die von Spielen in etwa soviel Ahnung haben, wie eine Kuh vom Eierlegen.

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