Wer Hakenkreuze in Games wie „Wolfenstein 2: The New Colossus“ oder „Call of Duty WWII“ legalisieren will, muss sich bewusst sein, welche Schleusen er hier öffnet – meint Chefredakteurin Petra Fröhlich.

Fröhlich am Freitag: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Liebe GamesWirtschaft-Leser,

wir leben in einer Zeit, in der es für Games-Entwickler ganz schön anstrengend geworden ist, ein Computerspiel hinreichend blutrünstig und beklemmend zu gestalten, damit die Gremien der Selbstkontrolle oder der Bundesprüfstelle überhaupt noch zusammenzucken.

Weitgehend ungeschoren davon kam zum Beispiel das ausgesprochen deftige „Wolfenstein 2: The New Colossus“, vor einer Woche erschienen und derzeit mein bevorzugtes Feierabend-Programm. Und ab heute lässt Activision in Werbespots „die Jungs zusammentrommeln“, schließlich „spielt ‚Call of Duty‘ wieder im Zweiten Weltkrieg, Baby“.

Beide Spiele zählen zum Genre der Ego-Shooter, beide sind frei ab 18 – und beide kommen ohne verfassungsfeindliche und somit verbotene Nazi-Symbolik aus. Im Falle von „Wolfenstein 2“ hat sich der Hersteller außerdem zu bizarr anmutenden, dramaturgischen Eingriffen entschieden. Außerhalb Deutschlands werden diese Spiele gleichsam im Originalzustand verkauft.

Unter Filmschaffenden sieht man das traditionell etwas lockerer. Erst vor kurzem lief bei SAT.1 an einem lauen Sommer-Montagabend um 20:15 der Spielberg-Klassiker „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ – vollgepackt mit Hakenkreuzen auf Uniformen, auf Fahnen, auf Zeppelinen, auf Doppeldeckern, überall.

Bei diesem fast 30 Jahre alten FSK-12-Film und vielen anderen Komödien, Serien oder Dramen greift die Kunstfreiheit, für die der zuständige Abschnitt im Strafgesetzbuch eine Ausnahme vorsieht. Für Videospiele gilt dieses Privileg (vermutlich) nicht, wenngleich die aktenkundige Rechtsprechung aus dem letzten Jahrtausend datiert.

Als seriös geltende Medien wie die ZEIT stellen nun die Frage, ob es denn nicht an der Zeit wäre, diese gefühlte Ungerechtigkeit zu überwinden, am besten durch einen kommerziell unverdächtigen Präzedenzfall, den man durch die Instanzen rattern lässt.

Renommierte Befürworter dieser Idee finden sich zuhauf. Allerdings werden in den Plädoyers stets (Bei-)Spiele mit satirisch überhöhten, distanzierten oder sensibel vorgetragenen Stoffen herangezogen. Wenn man es aber wirklich ernst meint mit der Kunst- und Meinungsfreiheit, dann müsste das Privileg eben auch für einen tumben, unreflektierten Shooter gelten. Und man müsste aushalten, dass hierzulande Strategiespiele mit flächendeckender NS-Beflaggung entwickelt, vermarktet und verkauft werden, auch an Minderjährige.

Um es klar zu sagen: Ein derartiger Blankoscheck, wie er etwa einem „Inglourious Basterds“ (FSK 16, Prädikat „Besonders wertvoll“, 7 Mio. Euro Filmförderung) ausgestellt wird, erscheint mir gerade für Spiele mit Multiplayer-Modi – von „Call of Duty“ bis „World of Tanks“ – grundfalsch. Wenn überhaupt, dann müsste man mit großer Gewissenhaftigkeit Einzelfallprüfungen vornehmen – und abwägen, wo die Kunst aufhört und das Marketing anfängt.

Schließlich stellen führende Spielehersteller ihre Verantwortung regelmäßig dadurch unter Beweis, indem sie immer weiter ausloten, wo mögliche rote Linien verlaufen könnten.

So doziert zum Beispiel die BPjM: „Eine Kriegsverherrlichung ist dann gegeben, wenn Krieg als Abenteuer, als reizvoll oder als Möglichkeit beschrieben wird, zu Anerkennung und Ruhm zu gelangen und wenn das Geschehen einen realen Bezug hat.“

Soweit die Theorie.

In der Praxis fragen sich Gymnasiallehrer, was sie vormittags einem durchschnittlich sozialisierten Teenager noch über das Grauen des 1. Weltkriegs erzählen sollen, wenn ihr Publikum die Nachmittage in den „Battlefield 1“-Argonnen verbringt – und auf Youtube und in Foren über die filigranen Unterschiede zwischen MP18 und M97 philosophiert.

„Wer die intensiven Infanteriekämpfe dieser Karte überlebt, wird zum Helden“, verspricht die Hersteller-Website. Na dann.

„Battlefield 1“ war übrigens als „beste internationale neue Spielwelt“ für den Deutschen Computerspielpreis 2017 nominiert – keine Pointe.

Und bloß nicht vergessen, die Jungs zusammenzutrommeln – denn „Call of Duty“ spielt wieder im Zweiten Weltkrieg, Baby.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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