Aus einem Studentenprojekt wurde ein 9-Millionen-Euro-Umsatz-Mittelständler: Mit Tibia betreibt die Regensburger CipSoft GmbH das älteste noch aktive Online-Spiel aus Deutschland.

Als 1997 der erste Tibia-Server ans Netz ging, wurde noch mit D-Mark bezahlt, der Bundeskanzler hieß Helmut Kohl und Bayern Münchens jüngster 35-Millionen-Neuzugang Renato Sanches noch nicht einmal geboren.

Am 7. Januar feierte Tibia nun seinen 20. Geburtstag – für ein Computerspiel fast schon methusalemhaft. Nach wie vor loggen sich nach Angaben von Hersteller CipSoft weltweit fast 100.000 Spieler täglich ein und schlüpfen in die Rolle von Rittern, Druiden, Paladinen und Zauberern. In zwei Jahrzehnten ist eine gigantische Fantasy-Welt entstanden, in der hinter jeder Ecke fiese Monster, große Schätze, begehrte Waffen und Rüstungen und überhaupt jede Menge Abenteuer warten. Fast 28.000 Mal pro Tag segnen Figuren das Zeitliche, entweder im Kampf gegen andere Spieler oder im Duell mit Drachen.

In der Gildenhalle hält die Gilde ihre Besprechungen ab.
In der Gildenhalle hält die Gilde ihre Besprechungen ab.

Tibia: Außergewöhnliches Jubiläum für Online-Rollenspiel made in Germany

Tibia ist kein Browsergame. Wer es ausprobieren will, muss zuerst die kostenlose Software herunterladen. Auch im Anschluss bleibt Tibia prinzipiell kostenlos spielbar, fällt also in die Kategorie Free2play. Finanziert wird der Betrieb durch Premium-Accounts, die es ab 8,45 Euro pro Monat gibt.

Zahlende Kunden profitieren von zusätzlichen Features und Komfortfunktionen, die den Gratis-Spielern nicht offen stehen. Beispielsweise lässt sich die Reise mit Schiffen und Magischen Teppichen beschleunigen. Auch größere Lagerräume, der Zugang zu Marktplätzen und zusätzliche Zaubersprüche zählen zu den Premium-Vorzügen.

Die pixelige Retro-Grafik samt 2D-Draufsicht ist natürlich weit entfernt von den Fabel-Welten eines The Witcher 3, World of Warcraft oder Skyrim – doch genau dies scheint neben dem Umfang und der Spieltiefe den Charme des Spiels auszumachen. Und natürlich entstehen im Lauf der Jahre auch Freundschaften innerhalb der Gilden und Spielserver. Sogar (virtuell) heiraten lässt sich in der Welt von Tibia: Etwas mehr als ein Prozent aller Spieler ist unter der Haube.

Und noch eine Besonderheit: Weil weite Teile der Community in den USA, Brasilien oder Polen zu Hause sind, ist die Amtssprache innerhalb des Spiels Englisch – eine deutsche Version gibt es nicht.

CipSoft: Tibia steuert Löwenanteil von 9,5 Millionen Umsatz bei

Mit knapp 90 Mitarbeitern ist die CipSoft GmbH einer der größten Games-Arbeitgeber Deutschlands und nach Travian Games (München) und Upjers (Bamberg) der drittgrößte Entwickler in Bayern. Das Regensburger Unternehmen wächst behutsam und bemerkenswert geräuschlos: 2015 lag der Umsatz bei beachtlichen 9,5 Millionen Euro – und das im Wesentlichen dank zweier Produkte, nämlich Tibia und dem Mobile-Ableger TibiaME. Unterm Strich verblieb ein Gewinn von 1,5 Millionen Euro.

Alive and kicking: Tibia ist das älteste der noch aktiven Online-Spiele aus Deutschland.
Alive and kicking: Tibia ist das älteste der noch aktiven Online-Spiele aus Deutschland.

Die Strategie der Oberpfälzer unterscheidet sich also sehr deutlich von jener der heutigen Branchenriesen, die eine vergleichbare Gründerstory vorweisen. Zwar sind Bigpoint, Innogames, Travian Games, Gameforge und Upjers etwas später entstanden als CipSoft. Allerdings haben all diese Unternehmen nach dem Auftakterfolg sehr zügig Spiele-Portfolio und Belegschaft erweitert. Mit Bestandstiteln wie Dark Orbit, Die Stämme und OGame verdienen die Hersteller bis zum heutigen Tag gutes Geld.

Die CipSoft-Gründer sind sich der Risiken durchaus bewusst, die mit der Abhängigkeit von einer einzigen Marke einher gehen. Weitere Online-Spiele sind deshalb in Vorbereitung.

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